Vortrag zur Beratung von Mädchen und Frauen bei sexualisierter Gewalt

Über die Arbeit von Wildwasser Darmstadt e.V., einer Beratungsstelle für Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt hatten, referierte die Fachleiterin für Beratung, Prävention und Fortbildung Karin Bernet in einem Vortrag im Hedwig-Burgheim-Haus. Die Diplom-Sozialpädagogin berichtete zunächst über die Arbeit von Wildwasser als Beratungsstelle: Wer kann sich an die Beratungsstelle wenden und für welchem Einzugsbereich ist sie zuständig, welche Angebote gibt es, wie sieht es mit Verschwiegenheit oder Anonymität aus?

Über Wildwasser e.V.

Wildwasser ist eine Beratungsstelle für Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erleben oder erlebt haben. Die Fachberatungsstelle ist tätig in der Beratung, Fortbildung, Prävention und bietet Gruppenangebote, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Netzwerk- und Gremienarbeit an. Die Angebote richten sich an Mädchen ab 12 Jahren und Frauen, deren unterstützende Familienangehörige und andere Vertrauenspersonen sowie junge Migrantinnen mit Fluchterfahrung. Wildwasser ist für die Stadt Darmstadt, den Landkreis Darmstadt-Dieburg und den Kreis Bergstraße zuständig.

Was ist sexualisierte Gewalt und wer sind die Täter?

Im zweiten Teil des Vortrags definierte und erläuterte Karin Bernet die verschiedenen Formen sexualisierter Gewalt und welche Ausdrucksarten sie annehmen kann. Im Jahr 2016 wurden 14.051 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt, wobei die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher sein wird. 75% der Betroffenen sind Mädchen, 25% Jungen. Kinder aller Altersklassen sowie aller sozialen Schichten sind betroffen. Die Täter sind meist männlich, wobei der Anteil an Täterinnen bei 10-25% liegt. Sie kommen ebenfalls aus allen sozialen Schichten und sind meist Personen, die die betroffenen Kinder gut kennen. Die Täter nähern sich den Kindern mit häufig sehr ausgeklügelten Strategien, indem sie sich oft von Beginn an günstige Voraussetzungen herstellen, um im Allgemeinen leicht Kontakt zu Kindern aufzunehmen. Nach der Sexualisierung des Kontaktes kommt es häufig zu Geheimhaltungsgeboten sowie Manipulation und Funktionalisierung der Bezugspersonen des betroffenen Kindes. „Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen“, heißt es in der Definition von sexuellem Missbrauch auf der Webseite des Unabhängigen Beauftragten für Fragen sexuellen Kindesmissbrauchs (Quelle: https://beauftragter-missbrauch.de/).

Folgen für die Opfer und Handlungsempfehlungen für Erzieherinnen und Erzieher

Der letzte Teil des Vortrags widmete sich den Opfern, den Folgen sexualisierter Gewalt wie Auswirkungen auf die körperliche, emotionale, psychische und mentale Entwicklung der Kinder. „Kinder brauchen glaubende Erwachsene“, forderte die Fachleiterin von Wildwasser. Die Frage der „Schuld“ muss thematisiert werden, eine Schuld, die keinesfalls das Kind bzw. den Jugendlichen trifft, sondern lediglich beim Täter auszumachen ist. Doch wie können Betroffene unterstützt werden und was können die pädagogischen Fachkräfte tun, wenn sie sexuellen Missbrauch vermuten? Den angehenden Erzieherinnen und Erziehern wird bei einem Verdachtsfall geraten, ruhig und überlegt zu reagieren, Beratung aufzusuchen und keinesfalls den möglichen Täter anzusprechen. Wenn sich ein Kind anvertraut, soll man diesem glauben, es trösten, keine unhaltbaren Versprechungen machen und dem Kind vermitteln, dass man es wertschätzt. „Übereiltes Handeln kann zu Fehlern führen, die dem Kind schaden“, erläutert Bernet. Erzieherinnen und Erzieher sollen alles gut dokumentieren, sich bei den zuständigen Fachberatungsstellen informieren und die Leitung einschalten. Das Kind sollte in die Planung der weiteren Handlungsschritte miteinbezogen werden. „Eine Anzeigenerstattung ist nur nach sorgfältiger Überlegung sinnvoll. Bevor man sich für oder gegen eine Strafanzeige entscheidet ist es wichtig, die Konsequenzen dieser Entscheidung zu kennen“, rät die Rednerin in ihrem Vortrag. Umso wichtiger ist es, im Voraus tätig zu werden. Prävention hat zum Ziel, sexualisierte Gewalt zu verhindern oder zu behindern. Die Grundannahmen sind: „Kein Kind kann sich alleine schützen“, Erwachsene haben die Verantwortung für den Schutz der Kinder“ und „Prävention ist eine Erziehungshaltung“.

Großes Interesse und viele Nachfragen

Dass die Thematik von großem Interesse war, davon zeugte der bis auf den letzten Platz belegte Vortragsraum. Die Schülerinnen und Schüler sowie Studierende lauschten dem Vortrag aufmerksam, diskutierten und fragten nach. Weitere Informationen zur Beratungsstelle Wildwasser e.V. finden Sie hier: http://www.wildwasser-darmstadt.de/