Die PAE liest im Mai ...

Im Mai ist wieder ein Jugendroman unser „Buch des Monats“: Wenn Worte meine Waffe wären. Als Leser/in darf ich einige wegweisende Wochen im Leben von Sheherazade miterleben, die schon vor einiger Zeit mit ihrer Familie aus dem Westjordanland nach Dänemark gekommen ist. Inhalt, Sprache, und verschiedene Erzählformen machen das Buch zu einem sehr spannenden Leseerlebnis. Es ist von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert - ein weiterer Grund, der neugierig machen darf auf diesen Roman. Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre.

Die Autorin: Kristina Aamand, geboren 1972 als Tochter einer dänischen Mutter und eines palästinensischen Vaters. Viele der Themen, über die sie schreibt, sind ihr aus ihrer eigenen Biografie bekannt. Sie arbeitete in Kopenhagen als Krankenschwester und erfuhr dadurch, was die Menschen in den unterschiedlichen Stadtvierteln bewegt und beschäftigt – diese Eindrücke fließen in ihre Romane ein. „Wenn Worte meine Waffe wären“ ist ihr erstes ins Deutsche übersetzte Buch.

Von großer Bedeutung sind die Illustrationen von Sune Ehlers, die weite Teile des Buches ausmachen.

In diesem Kontext muss auch die Übersetzung von Ulrike Brauns hervorgehoben werden, die in diesem Roman zwei Erzählformen ins Deutsche gebracht hat.

„Und du? Gehst du zur Schule?“ fragt Stein. „Ja, aufs Gymnasium. Vorletztes Jahr.“ „So, so, noch ein Jahr Schule. Und wofür interessierst du dich?“ „Ich mache gern Zines.“ „Und das ist…?“ „Das sind kleine Magazine, selbst gemacht mit Zeichnungen und so. Ich schreibe, schneide Bilder und Fotos aus …“ (Aamand, 2018, S. 16)

Mit diesem kurzen Textausschnitt beginne ich die Buchbesprechung. Wir befinden uns als Leser/innen sozusagen zuhörend im Arztzimmer einer psychiatrischen Klinik. Dort ist Sheherazades Vater seit einer Weile Patient, er hat Depressionen. Mit im Zimmer ist ihre Mutter, für die sie übersetzt was der Arzt, Dr. Stein, zu sagen hat. Sheherazade ist 17 Jahre alt und lebt seit vielen Jahren mit ihren Eltern in Dänemark. Ihr Leben ist nicht einfach – einerseits beschäftigen sie Themen, die alle Teenager in diesem Alter mehr oder weniger umtreiben. Die Geschichte der Migration ihrer Familie stellt sie aber zusätzlich vor weitere Herausforderungen, die sie stemmen muss. Alles, was sie bewegt, verarbeitet sie kreativ in „Zines“ – kleinen Magazinen, ganz und gar handgemacht. Sie sind in die Erzählung in der Ich-Perspektive des Romans eingebaut und füllen viele Seiten. Das ist mehr als „Illustration“, es ist eine zweite Erzählebene, die einerseits auflockert, andererseits aber auch zu zeigen vermag, wie man kreativ schreibend emotional verarbeiten kann, was einem in schwierigen Zeiten zusetzt. Sheherazade lebt in vielen Spannungsfeldern, die es irgendwie zu verarbeiten gilt. Da ist der gebildete, intelligente Vater, der mit den Brüchen seines Lebens nicht klarkommt und depressiv geworden ist. Da ist die Mutter, die im Herkunftsland an der Seite des intellektuellen Ehemannes einen liberalen Islam lebte. Nun, in Dänemark, sucht sie nach Zugehörigkeit und entscheidet sich für das Kopftuch, weil es Geselligkeit mit anderen muslimischen Frauen im Viertel ermöglicht und aus der Isolation heraushilft. Sheherazade trifft in der Gemengelage ihres Lebens auf Thea, Kind aus sehr gut situiertem, politisch eher links verortetem Elternhaus, in die sie sich verliebt und mit der sie erste sexuelle Erlebnisse hat. Im Kontext ihrer Lebenswelt ist das skandalös und konsequent gleichzeitig. Wer ihr zu allem die Ermutigung gibt ist letztendlich der Vater, für den sie der „Pfeil in die Zukunft“ ist.

Auch wenn dieses Buch literarisch nicht an allen Stellen höchstes Niveau bietet, schafft es Identifikation und Verständnis unter Jugendlichen und für Jugendliche, die im Grunde mehr als zwei Beine bräuchten, um alle Spagate zu leisten, die ihre Lebenswelten ihnen abverlangen.

Es ist sehr, sehr erfreulich, dass die Jugendjury des Deutschen Jugendliteraturpreises dieses Buch so wertschätzend für den Preis nominiert hat.

Aamand, Kristina (2018): Wenn Worte meine Waffe wären. Hamburg, Cecilie Dressler-Verlag.

ISBN: 978-3791500980  Preis: € 16

besprochen von Christiane Benthin