Die PAE las im Januar 2019 ...

Nach einem Bilderbuch und einem Kinderbuch ist im Januar ein Jugendroman unser „Buch des Monats“: Nicu & Jess. Es gehört zu den sehr besonderen Büchern des vergangenen Jahres: ungewöhnlich in Inhalt, Sprache, Erzählform und Aufmachung, dabei spannend und voller Witz. Empfohlenes Lesealter: ab 14 Jahre.

Die Autorin: Sarah Crossan, 1981 geboren, ist eine schottische Autorin und wurde durch ihren Roman „Die Sprache des Wassers“ 2012 auch in Deutschland bekannt. Sie nimmt uns Leserinnen und Leser mit in sehr besondere Lebenswelten von Jugendlichen. Die Erzählform des modernen Versromans schafft dazu eine Atmosphäre, die einen regelrechten „Sog“ entwickelt. Die Bücher lesen sich schnell im Tempo, weil die Schrift luftig und schmal auf den Seiten steht. Was Sarah Crossan zu erzählen hat, ist packend, spannend, unglaublich und wahrhaftig.

Der Autor: Brian Conaghan, 1971 geboren, ebenfalls Schotte. „Nicu & Jess“ ist seine erste Koproduktion mit Sarah Crossan; vorher wurden zwei seiner Jugendromane ebenfalls ins Deutsche übersetzt, waren jedoch weniger erfolgreich.

Die Übersetzerin: Cordula Setsman, 1975 in Niedersachsen geboren. Sie arbeitete als Lektorin, Autorin und Übersetzerin und ist derzeit freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Ihre Leistung als Übersetzerin von „Nicu & Jess“ ist meiner Meinung nach besonders hervorzuheben, weshalb ich weiter unten genauer darauf eingehen möchte.

Doch jetzt zur Story! Im Norden Londons ist das Leben kein Zuckerschlecken – Anglia heißt der Stadtteil, in dem Nicu und Jess leben. Beide 15 Jahre alt. Die beiden wachsen in grundverschiedenen Familien auf, für jeden auf seine Art ist das Leben kein Spaziergang. Nicus Eltern sind mit ihm vor einem Monat aus Rumänien nach England gezogen, sie wollen nicht lange bleiben. Der Vater hatte gehört, dass sich mit Altmetall-Handel recht schnell gutes Geld verdienen lässt – und das braucht die Familie, weil Nicu verheiratet werden soll. Ganz traditionell, in eine durch die Eltern vermittelte und verhandelte Ehe. Jess lebt mit der Mutter und deren gewalttätigen Lebenspartner zusammen, der ältere Bruder ist vor einer Weile ausgezogen und hat den Kontakt abgebrochen, weil er es zu Hause nicht mehr ausgehalten hat. Sie muss alleine mit zwei Erwachsenen klarkommen, die ihr mehr als zu viel zumuten; bitter ist es, wie der krankhaft brutale Mann sie hineinzieht, missbraucht und erpresst in die Erniedrigung seiner Frau. Beide Jugendliche stecken ausweglos im Schlamassel und beide landen mehrfach bei der Polizei, weil sie sich beim Diebstahl erwischen lassen. Ob selbst verschuldet oder nicht, darüber kann man sich als Leser oder Leserin selbst sein Urteil bilden. Jedenfalls müssen sie Sozialstunden ableisten, im Park Müll aufsammeln und am Sozialtraining teilnehmen. Dabei lernen sich Nicu und Jess kennen. Sie freunden sich an, ganz „Kumpel“ – das will Jess so haben, mehr auf keinen Fall. Es ist ihr peinlich, sich mit diesem Roma-Jungen abzugeben. Sie will nicht mit ihm gesehen werden. Aber Nicu ist einer von den ganz speziellen und es imponiert Jess, wie er es schafft, sich abzugrenzen von allen Aggressionen und Anfeindungen, die er von den anderen Jugendlichen entgegengebracht bekommt und wie ehrgeizig er ist, die neue Sprache zu lernen. So kommt es zu einer sehr innigen Freundschaft und Liebe zwischen den beiden, die eigentlich nicht sein soll und darf, denn für Nicu steht sogar der Heiratstermin mit dem fremden Mädchen inzwischen fest.  Der Roman hat einen atemberaubenden Showdown und man kann am Ende kaum glauben, dass man tatsächlich beim Lesen immer mal wieder gelacht hat. Aber ich habe gelacht! Und das liegt an der Sprache der beiden Jugendlichen. Der Roman lässt, kapitelweise abwechselnd, Nicu und Jess erzählen. Beide sind eher in der mündlichen Sprache zu Hause, Nicu noch nicht mal das, weil er die Sprache, in der die Autoren ihn hier zu Wort kommen lassen, nur gebrochen spricht. Er ist ein großer Denker, ein Junge mit sehr gereiften moralischen Ansprüchen an sich selbst, dessen Intelligenz in diesem Lebensraum keinen rechten Platz finden darf. Aber wie er sich Jess nähert, wie er sie verehrt, wie er sich auseinandersetzt mit den Grenzen, die sie ihm in der Annäherung vorgibt – dafür finden Sarah Crossan und Brian Conaghan ganz großartige Worte. Das gilt auch für die Sprache, in der sie Jess erzählen lassen. Ziemlich großspurig Nicu gegenüber. Verzweifelt, wenn sie uns Leserinnen und Leser mit in ihr Zuhause nimmt. „Schnoddrig“ erzählt sie und wird einem dabei immer sympathischer.

Sarah Crossan und Brian Conaghan haben diesen Roman in der (ungereimten) Versform verfasst. Dadurch wirkt das Buch luftig, es liest sich schnell. Die Dialoge oder Gedankengänge von Nicu und Jess sind treffend formuliert, oft voller Komik und Witz, doch gleichermaßen ist es bitter und beklemmend, was sie erleben. Schwere Kost bisweilen und auch wenn das Buch schnell gelesen ist, hat man am Ende das Gefühl, sehr, sehr viel gelesen und miterlebt zu haben. Dies zu übersetzen, die „Sprachnischen“ von Nicu und Jess ins Deutsche zu übertragen, ist meiner Meinung nach eine besondere Leistung.

Alles hier Beschriebene bekam vom Verlag Mixvision eine sehr feine Hülle: ein gebundenes Buch mit Lesebändchen, gut gemachtem Cover und farbigem Schnitt– und die Farbe dieses Schnitts ist das Einzige, was aus meiner Sicht hier nicht hundert Prozent geglückt ist. Das Neon-Orange assoziiere ich eher mit einem „weiblichen“ Farbton – und das Buch ist keineswegs ausschließlich Mädchenlektüre.

 

Sarah Crossan/Brian Conaghan (Text), Cordula Setsman (Übers.) (2018): Nicu & Jess,  München, Mixtvision Verlag

ISBN: 978-3958541061 Preis: €16,90

besprochen von Christiane Benthin